Evotec SE

Ein Vorstand geht, der Kurs steigt – versteht jemand Evotec?

Das Börseneinmaleins ist keins, denn sonst könnte jeder aus dieser oder jener Meldung sofort ableiten, was das mit dem Kurs einer entsprechenden Firma macht. Aktuell kann man das bei der Hamburger Wirkstofffirma Evotec sehen: Der langjährige wissenschaftliche Kopf Cord Dohrmann geht so überraschend von Bord, dass nun erst mit der Suche nach dem Nachfolger begonnen wird. An einer so entscheidenden Position wie derjenigen des CSO sollte sich ein Unternehmen, das technologisch und wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit sein muss, keine Leerstelle erlauben.

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Dr. Cord Dohrmann prägte über 16 Jahre lang die grundlegende Ausrichtung von Evotec, die Schwerpunktsetzung auf induzierbare pluripotente Stammzellen etwa, um damit alle Zellvarianten im Labor nachzüchten zu können und für ein Hochdurchsatzverfahren im Kandidatenscreening einsatzfähig zu bekommen. Auch die strategische Abkehr von einer eigenen klinischen Entwicklung war zusammen mit dem damaligen CEO Werner Lanthaler eine bewusste Kehrtwende, sich lieber mit voller Konzentration, hoher Wissenschaftlichkeit und entsprechendem Anspruch in der Präklinik zu positionieren und jede neue Methode daraufhin zu überprüfen, ob sie im Prozess der Durchforstung von Substanzbibliotheken einen Mehrwert liefert. Ebenso wichtig war Dohrmann aber auch der Schwerpunkt Wissenschaft selbst, das Verständnis der Biologie, die hinter einem Krankheitsprozess im menschlichen Organismus liegen könnte.

Unter Lanthaler hatte er dazu jede Freiheit. Denn Dohrmann lieferte mit seinem Team die Grundlage dafür, dass Evotec zu einem anerkannten wissenschaftlichen Dienstleister in der Wirkstoffforschung wurde, bei dem nicht einfach nur eine Gerätepark im Hochdurchsatz betrieben  und ein aus diesen Analysegeräten heraus gespeister Auswahlfilter über die möglichen Kandidaten gelegt wurde. Es gab immer noch ein „Mehr“ dazu, das die Wissenschaft und das Verständnis hinter einer solchen Auswahl mit guten Argumenten unterstützte.

Es waren solche Grundlagen, die zu den finanziell hochattraktiven und langjährigen Entwicklungspartnerschaften mit BMS und anderen führten, wovon diejenige mit BMS sicherlich die bemerkenswerteste darunter ist – mit Betonung auf werthaltigste. Denn über Entwicklungsmeilensteinzahlungen und über die Jahre auch angepasste und für Evotec vorteilhaftere Vertragsbedingungen floss bisher ein sehr hoher dreistelliger Millionenbetrag zurück nach Hamburg.

Brückenbauen zu Talenten und Start-ups

Flankiert wurde die wissenschaftlich angetriebene Strategie von Dohrmann und Team davon, in der frühen Phase der Medikamentenentwicklung einen Unterschied zu machen und mit der (falls überhaupt vorhanden) Forschungsabteilung eines Auftraggebers aus der Pharmawelt absolut auf Augenhöhe mitreden zu können, durch die Strategie, an einzelnen Standorten Partnerschaften mit international anerkannten Forschungsinstituten einzugehen und als Brückenbauer auch für Start-ups zu fungieren. Auch hier mit einer längerfristigen Perspektive dabei einerseits am Puls der neuesten Entwicklungen in der Forschung zu bleiben, aber auch solche Unternehmen und Unternehmer mit dem Evotec-Universum in eine Beziehung zu bringen, die länger halten sollte.

Für diese Strategie spricht auch eine Meldung, die gleichzeitig an anderer Stelle aufkam: Die italienische Biotech-Firma Aptadir Therapeutics hat eine Seed-Finanzierungsrunde über 40 Mio. Euro abgeschlossen. An der Gründung war auch Evotec beteiligt – nicht als Investor im engeren Sinne, sondern über das 2022 mit CDP Venture Capital und Angelini Ventures aufgelegte BRIDGE-Programm EXTEND. Evotec half dabei, die aus der akademischen Forschung hervorgegangene Technologie wissenschaftlich zu validieren und Aptadir als Unternehmen aufzubauen. Die aktuelle Runde kann man nun als weitere externe Validierung ansehen, sie wurde von 4BIO Capital angeführt; EXTEND beteiligte sich als ursprünglicher Pre-Seed-Investor erneut. Aptadir entwickelt RNA-Moleküle, sogenannte DNMT Interacting RNAs (DiRs), die gezielt krankhafte DNA-Methylierung und damit verbundene Gen-Stilllegung aufheben sollen. Ein Schwerpunkt ist zunächst das Fragile-X-Syndrom.

Ob diese Meldung rings um Aptadir zu einem spürbaren Kursplus der Evotec-Aktie führte, obwohl ein überraschender Wechsel auf Vorstandsebene normalerweise Unsicherheit ins Unternehmen bringt, die selten von Börsianern gutiert wird? Oder liegt es bei Evotec schon eher daran, dass die vielen Meldungen der jüngeren Vergangenheit selten Frohlocken hervorgerufen haben, da es meist um die Rücknahme einer Jahresprognose ging oder Zwischenstandsmeldungen zur teuren Restrukturierung mit größerem Personalabbau?

Fragezeichen dominieren, ein Ausrufezeichen würde nicht schaden

Oder sieht man die Trennung von Dohrmann auch als eine Art neue Chance für die Hamburger, sich von alten Strategien und Verbindungen zu lösen und mit ganz neuen Ansätzen eine neue Positionierung in der Pharmawelt zu erreichen? Hier fangen die vielen Fragezeichen erst an, denn wie könnte eine solche möglicherweise ganz neue Firmenstrategie aussehen? Ist der CEO nun erst richtig in der Lage, einen ganz eigenen Fußabdruck in das Evotec-Geschichtsbuch zu setzen und als echter Steuermann des mit vielen Tausend Mitarbeitern durchaus mittelgroßen Schiffs eine tiefgehende Kurskorrektur vorzunehmen?

Eventuell ist es genau das, was auf dem Börsenparkett verfängt, die kleine Möglichkeit, dass der Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt sind und man sich nun wirklich alles vorstellen kann. In dieser Phase werden sicherlich zusätzlich weitere denkbare und auch alte Spekulationen wie die eines Unternehmensverkaufs  hochkochen, was für den Kurs bedeuten kann, dass die Richtung, aber auch die Steilheit von Anstieg oder Absturz gerade den Launen von Beobachtern unterliegen mag und wenig Fundamentales beinhaltet.

Immer wieder werden in den Börsenforen längst fast vergessene Evotec-Beteiligungen herausgekramt, bei denen man noch auf spannende Entwicklungen setzt. Ob diese Phantasie zusätzlich für einen Kursanstieg sorgen wird? Statt weitere Fragezeichen zu produzieren oder den Spekulationen zu viel Freiraum zu geben, wären einige Antworten aus der aktuellen Führungsetage sicherlich hilfreich. Und dabei dürften sogar Ausrufezeichen verwendet werden, wenn man sich in Hamburg auf einen wirklich neuen Kurs festgelegt hat.

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